Eine auf kritische soziale Gerechtigkeit (CSJ) ausgerichtete Therapie (auch als „woke“-Therapie bezeichnet) ist eine völlig andere Praxis als die traditionelle Beratung und Psychotherapie. Dieser Aspekt kann nicht genug hervorgehoben werden. Der Fehler, den Viele machen, besteht darin, dass sie diesen neuen politisierten Ansatz als eine Entwicklung oder Evolution von Therapie ansehen – die sogenannte Wende zur sozialen Gerechtigkeit in den Bereichen Beratung und Psychotherapie. Die Tatsache, dass der Präsident der British Association for Counselling and Psychotherapy (BACP) in einer Konferenzansprache im Jahr 2019 vorbehaltlos erklären konnte, dass „soziale Gerechtigkeit die Arbeit von Beratern bestimmt“, ist bezeichnend für diese Position, die die Therapieeinrichtungen heute vertreten. Dies ist ein zynischer Schachzug, mit dem Ziel zu verschleiern, wie eine neue Art von kultureller Praxis sich an traditionelle etablierte Therapien angehängt hat. Indem man die CSJ-getriebene Therapie als eine evolutionäre Veränderung darstellt, umgeht man die üblichen Anforderungen eines radikal anderen Ansatzes, zu denen sowohl die Erklärung seiner genauen Funktionsweise als auch der Nachweis seiner therapeutischen Wirksamkeit gehören würde. Aufgrund dieses Täuschungsmanövers befürworten Therapeuten, Auszubildende und Ausbilder diesen Ansatz aus Angst, als reaktionär, engstirnig oder – schlimmer noch – voreingenommen abgestempelt zu werden. Jegliche Bedenken und Unbehagen, dass es vielleicht, nur vielleicht, ganz erhebliche Probleme mit dieser neuen ideologischen Anwendung auf den Therapiebereich gibt, werden verdrängt – niemand diskutiert darüber in der Öffentlichkeit, niemand will „gecancelt“ werden. Es ist jedoch von entscheidender Bedeutung, dass solche Bedenken an die Öffentlichkeit gebracht werden, bevor das Therapiefeld vollständig für ein nichttherapeutisches politisches Projekt eingespannt wird; ein Projekt, das z.B. Beratungspsychologen dazu drängt, „… die weiße Vorherrschaft auf der Ebene von Organisationen und Systemen, insbesondere von überwiegend weißen Institutionen und einschließlich der professionellen Psychologie, abzubauen“ („…dismantling White supremacy at the level of organizations and systems, especially predominantly White institutions and including professional psychology”) (S. 481).

In diesem kurzen Aufsatz werde ich auf meiner schon früher vorgebrachten Argumentation aufbauen, nämlich dass die Weltanschauung, die in die CSJ-getriebene Praxis eingeflossen ist, von Natur aus antitherapeutisch ist. Wie andere bereits festgestellt haben (siehe z.B. die Englischen Ausführungen von Valerie Tarico), ist es sehr wahrscheinlich, dass ihre ideologischen Grundsätze zu schlechten klinischen Ergebnissen führen und im schlimmsten Fall den Klienten sogar schaden. Wie eingangs erwähnt, verstehen es die Befürworter der CSJ, den wahren Charakter dieser „Therapie“ zu verschleiern, indem sie sie als emanzipatorisches Unterfangen darstellen und rhetorische Strategien der Verschleierung einsetzen. Um die unüberbrückbaren Unterschiede zwischen traditionellen Therapien und CSJ-Ansätzen zu begreifen, ist es wichtig, sich über die Grundlagen dieser Praktiken im Klaren zu sein. Die Perspektiven, die zu grundlegenden Fragen eingenommen werden, werden die therapeutische Beziehung unweigerlich in eine bestimmte Richtung lenken. In diesem Aufsatz werde ich eine dieser grundlegenden Fragen – das Wesen des Individuums – untersuchen, um zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, die Konsequenzen zu verstehen, die eine bestimmte philosophische Position für das therapeutische Arbeiten mit sich bringt. Ich möchte insbesondere zeigen, wie die Abwertung des Individuums durch die CSJ zugunsten der kollektiven Dimension der menschlichen Erfahrung unausweichliche und tiefgreifende Auswirkungen auf die therapeutische Behandlung hat. Im Wesentlichen werde ich argumentieren, dass die Weltanschauung, die der CSJ zugrunde liegt, Beratung und Psychotherapie in Praktiken verwandelt, die den Klienten schwächen.

Bevor ich jedoch beginne, ist es wichtig, einen Vorbehalt zu äußern. Die folgenden Ausführungen sollten nicht so verstanden werden, dass sie eine vereinfachte Sichtweise von traditioneller Therapie als etwas uneingeschränktem Guten darstellen, weil sie das Individuum unterstützt. Der Platz reicht hier einfach nicht aus, um eine komplexere Kritik zu formulieren. Stattdessen lohnt es sich, die folgenden Punkte zu bedenken. Man könnte argumentieren, dass traditionelle Therapie den gestaltenden Kräften der Gesellschaft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat und dass dieses Versäumnis es einer politischen Ideologie, die die kollektive Dimension privilegiert, ermöglicht hat, sich in diesem Bereich so stark durchzusetzen. Es ist auch wichtig, anzuerkennen, dass die CSJ ein Körnchen Wahrheit enthält: Die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen spielt unweigerlich eine Rolle darin, wie sich die soziale Welterfahrung einer Person gestaltet.

Zunächst müssen wir uns vor Augen halten, dass die ideologische Grundlage der CSJ vor allem durch ihren kollektiven Charakter, ihr Bekenntnis zum sozial konstruierten Charakter von Wahrheit und ihre politische Agenda gekennzeichnet ist. Aus ihrer Sicht besteht die soziale Welt aus einer verschachtelten Struktur von Machtbeziehungen; jede Person ist innerhalb dieser Matrix gemäß ihrer Zugehörigkeit zu unterdrückten/unterdrückenden Gruppen positioniert. Für das Individuum bedeutet dies, dass die Gruppenzugehörigkeit über allem steht. Jede Person wird durch die Identitäten definiert, die sie für sich beansprucht oder die ihr verliehen werden. Die Einzigartigkeit jeder Person beruht auf ihrer besonderen Kombination von sich überschneidenden Identitäten. Kein Individuum existiert als eigenständig, gleichsam freistehend im Verhältnis zur Gesellschaft. Vielmehr ist der Mensch bewusst oder unbewusst nur ein Akteur oder Opfer kollektiver Unterdrückungssysteme. Darüber hinaus wird aufgrund des Rückgriffs auf den Sozialkonstruktivismus Objektivität zugunsten von Subjektivität völlig beiseite geschoben. Die „gelebte Erfahrung“ der Person in Bezug auf ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten unterdrückten Gruppe ist der letzte Wahrheitsträger. 

Diese klare Abgrenzung sollte dazu dienen, die völlige Unvereinbarkeit, zwischen der von der CSJ geprägten Sicht des Individuums und der in der modernen westlichen Kultur entwickelten Sichtweise aufzuzeigen. Es kann keine Überschneidungen oder Kontinuitäten geben; diese Ansichten sind von völlig unterschiedlichen Orientierungen gegenüber der Welt geprägt. Darüber hinaus stehen Ideen über die universelle Natur der menschlichen Erfahrung, die einen Weg zur Überbrückung der Kluft bieten könnten, im Gegensatz zur Weltanschauung der CSJ. Angesichts dieser beiden grundlegend unterschiedlichen Positionen stellt sich die Frage, wie die Individualität des Klienten von einem traditionellen Therapeuten und einem am CSJ-orientierten Therapeuten interpretiert wird und welche Auswirkungen dies auf die klinische Praxis haben könnte.

Traditionelle Therapie und das Individuum

In traditioneller Therapie liegt der Schwerpunkt so grundlegend und selbstverständlich auf Behandlungsweisen, die den Klienten stärken, dass es selten so explizit formuliert wird. Die nach außen gerichteten Mitteilungen der Berufsverbände enthalten Erklärungen zur Therapie, die immer noch mit ihrem traditionellen Telos übereinstimmen (vermutlich, weil sie die breite Öffentlichkeit nicht auf die ideologische Vereinnahmung aufmerksam machen wollen, die im Therapiebereich stattfindet). So stellt die BACP in ihrer Einleitung fest: „Ihr Therapeut wird Ihnen helfen, Ihre Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen zu erforschen, damit Sie ein besseres Verständnis für sich selbst und andere entwickeln können.“ Die American Psychological Association (APA) behauptet Folgendes: „Beratungspsychologen helfen Menschen mit körperlichen, emotionalen und geistigen Gesundheitsproblemen, ihr Wohlbefinden zu verbessern, Gefühle des Leidens zu lindern und Krisen zu überwinden.“ Beide Aussagen implizieren die Vorstellung, dass der Klient in irgendeiner Weise gestärkt wird. Ein Maßstab für eine erfolgreiche Therapie wäre eine Verbesserung der Fähigkeit des Individuums, in seinem eigenen Umfeld effektiv und ressourcenreich zu funktionieren.

Es ist wichtig zu betonen, dass der Individualismus (und Universalismus), der den von der Moderne geprägten Disziplinen innewohnt, nicht bedeutet, dass die kollektiven Dimensionen der menschlichen Erfahrung ignoriert werden. Die traditionellen Therapieschulen erkennen mehr oder weniger an, das gesellschaftliche Bedingungen bei der Gestaltung der Schwierigkeiten ihrer Klienten eine Rolle spielen. Auf einer Seite des Kontinuums stehen Therapien, die die Rolle einer sozialen Konditionierung minimieren; zum Beispiel die Logotherapie von Victor Frankl. Frankl entwickelte diese sinnorientierte Therapie aufgrund seiner Erfahrungen mit den extremen Bedingungen in Konzentrationslagern, wo er beobachtete, wie die Häftlinge, die eine Möglichkeit hatten, ihrer Erfahrung einen Sinn zu geben, die schrecklichen Bedingungen besser überleben konnten. Am anderen Ende dieses Kontinuums stehen Ansätze, die die Rolle der sozialen Bedingungen bei den Problemen der Klienten betonen – ein Beispiel wäre die feministische Therapie. Auch wenn bei diesen Therapien die Rolle früherer unterdrückender sozialer Bedingungen bei der Entstehung der Schwierigkeiten der Klienten im Vordergrund steht, konzentriert sich die therapeutische Behandlung dennoch darauf, die Person in Bezug auf den größeren Kontext zu stärken.

Wie würden also traditionelle Therapien arbeiten, um das Individuum zu stärken? Die Therapeuten der verschiedenen Therapieschulen haben alle eine andere Auffassung von klinischer Theorie und Praxis, dennoch orientieren sie sich an dem allgemeinen Ziel, die Fähigkeit des Klienten, effektiv und auf erfüllende Weise zu leben und zu funktionieren, zu verbessern. Ein Klient, der sich in einem Zustand von Verletzlichkeit befindet, sollte mit einem gewissen Vertrauen erwarten können, dass der von der Fachkraft gebotene Raum für Reflexion und Dialog darauf ausgerichtet ist, seine Fähigkeit zur Lebensgestaltung zu verbessern. Dieses sehr allgemeine und implizite Ziel könnte in verschiedene voneinander abhängige Komponenten aufgeteilt werden, wobei vier davon für die Diskussion über den wesentlichen Unterschied zwischen traditionellen und CSJ-getriebenen Therapien besonders wichtig sind.

Erstens würde der Schwerpunkt auf der Stärkung der Handlungsfähigkeit und der Übernahme von Eigenverantwortung durch den Klienten liegen. Alle wichtigen Therapieschulen würden das Festhalten an einer passiven Opferposition als schädlich für die psychische Gesundheit ansehen. Unabhängig von den Umständen gibt es immer einen Punkt, an dem das Individuum die Macht hat, auf seine Umstände zu reagieren. Der Klient soll ermutigt werden, einen inneren Ort der Autorität zu haben und folglich selbst zu denken.

Zweitens würde man eine größere Selbstwahrnehmung und Einsicht fördern. Dies wiederum würde die Fähigkeit des Klienten erhöhen, bisher verborgene Aspekte des Selbst zu erkennen und diese bewusster und produktiver auszudrücken. Ein erwartetes Nebenerzeugnis wäre eine verbesserte Fähigkeit, die eigenen dysregulierten emotionalen Zustände zu erkennen und zu regulieren. Außerdem würde der Klient ermutigt werden, sein authentisches Selbst von starren Rollen und Identitäten zu unterscheiden, die er von der Gesellschaft übernommen hat oder die ihm aufgezwungen wurden.

Drittens würde ein Schwerpunkt der therapeutischen Arbeit darin bestehen, die Fähigkeit der Person zu authentischen, erfüllenden zwischenmenschlichen Beziehungen zu verbessern – viele Schwierigkeiten, die Klienten mitbringen, sind Probleme in dieser Lebensdimension. Durch erweiterte Einsicht können die Klienten ihre Schwachpunkte und Beziehungsmuster verstehen. Dies dürfte die Fähigkeit, mit anderen in Beziehung zu treten, verbessern. Die Therapie sollte ein besseres Verständnis der subtilen, gemeinsam gestalteten Natur der interpersonalen Beziehungen ermöglichen.

Und schließlich, viertens, gibt es eine Bewegung hin zum Realismus. Damit meine ich, dass der Klient bestärkt wird, seine Illusionen über sich selbst und sein Leben zu erkennen und ein realistischeres Verständnis und eine realistischere Einschätzung der Gefährdungen und Möglichkeiten zu entwickeln, die das Leben bietet. Diese Richtung könnte man als einen Reifungsprozess bezeichnen, bei dem die Person dabei unterstützt wird, sich von kindlich-narzisstischen Positionen zu lösen und sich mit einer erwachseneren Perspektive zu arrangieren, die die unvermeidlichen Einschränkungen durch die Realität akzeptiert.

Was geschieht mit einer Person, die einer CSJ-getriebenen Therapie unterzieht?

Diese vier Dimensionen können nun einen hilfreichen Rahmen für die Betrachtung bieten, wie es dem Individuum in der Therapie eines CSJ-getriebenen Therapeuten ergehen wird. Dass das Individuum auf jedem Fall vermindert, reduziert, unterhohlen und geschwächt wird, kann man deutlich zeigen.

Die Handlungsfähigkeit

Zunächst einmal ist es offensichtlich, dass die Handlungsfähigkeit des Klienten nicht gefördert wird. Nach dem Weltbild der CSJ wird „… die Ätiologie von psychischen Erkrankungen und Entwicklungsverzögerungen wird als eine Reaktion auf verschiedene soziale Krankheiten und nicht als ein ursprüngliches Derivat (z. B. biologisches Substrat, Trauma) angesehen“ („… the etiology of mental illness and developmental delays are viewed as a response to various social illnesses rather than an intimal derivative (e.g., biological substrate, trauma“) (S. 485). Der Ursprung jeglicher psychischen Not ist immer extern, da das Individuum lediglich ein Avatar der Gruppe ist: Probleme im Leben entstehen als Folge der besonderen Kombination von sich überschneidenden Identitäten des Klienten. Die Therapie wird sich darauf konzentrieren, herauszufinden, wie sich Unterdrückungssysteme auf das Selbstverständnis und die gelebte Welterfahrung des Klienten ausgewirkt haben. Das unvermeidliche Ergebnis ist ein verstärktes Gefühl des Opferseins und Passivität. Es gibt nur einen zulässigen Weg der Handlungsfähigkeit, und das ist politisches Handeln. Folglich würde der Therapeut den Klienten ermutigen, eine aktivistische Rolle einzunehmen, indem er die Quellen der wahrgenommenen Unterdrückung identifiziert und dann konfrontiert.

Darüber hinaus wird ein Verantwortungsnehmen für die eigene Einstellung zu den Umständen zu übernehmen, in keiner Weise unterstützt. Vielmehr würde dieser Schritt als eine Form der verinnerlichten Unterdrückung interpretiert werden.

Einsicht und Selbstbewusstsein

Die Entwicklung von Einsicht und Selbstbewusstseins wird gefördert, allerdings in einem besonders engen Rahmen. Das Ziel des Kritischen Theorie Aspektes von CSJ ist die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins (die Fähigkeit, die Funktionsweise von Unterdrückungssystemen zu erkennen). Folglich wird der CSJ-getriebene Therapeut den Klienten dazu lenken, diese Weltsicht anzunehmen.

Der Klient wird daher ermutigt, seine Selbsterkundung auf seine Zugehörigkeit zu Identitätsgruppen zu beschränken, da dies aus Sicht der CSJ der wahrhafte Kern des Selbst ist. Diese Betonung findet sich in den Multikulturellen Richtlinien der APA von 2017 (2017 APA Multicultural Guidelines S. 23), die den Therapeuten ausdrücklich dazu ermutigen, mit dem Klienten über „Identität“ zu sprechen. Anstatt das authentische Selbst freizulegen, wird der Klient in eine starre Identifikation mit Rollen und stereotypen Attributen bestimmter Identitätsgruppen gedrängt. Anstelle des Klienten die Möglichkeit zu geben, seine negativen Emotionen zu erforschen, zu verstehen und sich möglicherweise aus ihrem Griff zu befreien, rechtfertigt die CSJ-getriebene Therapie die Wut und den Groll des Klienten und verfestigt sie dadurch weiter. Ein gutes Beispiel dafür ist die enthusiastische Übernahme des Konzepts der Mikroaggressionen, einer Theorie mit dünner Beweislage und die jede negative Wahrnehmung rechtfertigt, die der Klient von einer sozialen Interaktion haben mag.

Zwischenmenschliche Beziehungen

Einer der potenziell destruktivsten Aspekte der CSJ-getriebenen Therapie ist ihre reduktive Sicht menschlicher Beziehungen. Da sie Macht als Grundlage der sozialen Welt ansieht, sind in allen Beziehungen Machtdynamiken im Spiel. CSJ akzeptiert keine universelle Natur der menschlichen Erfahrung, und folglich kann es keine authentischen Beziehungen zwischen Mitgliedern verschiedener Identitätsgruppen geben. Es ist nicht schwer, hier Parallelen zu den starren Haltungen früherer Jahrhunderte zu erkennen, die sich gegen Beziehungen über Klassengrenzen hinweg richteten. Diese Sichtweise verhindert jede Entwicklung zu einer Tiefenbeziehung, die ein Verständnis des subtilen, komplexen, gemeinsam geschaffenen Wesens zwischenmenschlicher Beziehungen erfordern würde. Anders gesagt werden alle Beziehungen auf eine Reihe von Transaktionen reduziert. Der Klient werden ermutigt, seine Beziehungen auf der Grundlage von Machtdynamiken zu hinterfragen. Weibliche Klienten werden beispielsweise dazu angehalten, alle Interaktionen mit Männern als eine Art der patriarchalischen Unterdrückung zu betrachten (man beachte die APA-Richtlinien für die psychologische Praxis mit Jungen und Männern (APA Guidelines on Psychological Practice with Boys and Men Guidelines), in denen traditionelle Männlichkeit als „toxisch“ bezeichnet wird). Von Klienten of Colour werden erwartet, dass sie alle weißen Menschen in ihrem Leben als Vertreter von weißer Vorherrschaft betrachten, usw..

Darüber hinaus ist CSJ nicht in der Lage, die therapeutische Beziehung selbst produktiv zu nutzen, insbesondere ihre Fähigkeit, ein heilendes Modell einer gesunden, respektvollen Beziehung zu schaffen. Ein CSJ-getriebener Therapeut hat eine politische Agenda, die die heilende Agenda einer echten Therapie übertrumpft. Zu diesem Zweck wird der Klient manipulativen Strategien unterworfen. Dustrups neuster Artikel im Journal of Health Service Psychology zeigt beispielsweise Wege auf, wie weiße Therapeuten, die mit weißen Klienten arbeiten, bewusst die Bedeutung der Hautfarbe in die klinische Arbeit einbringen können, egal welches Thema der Klient mitbringt.

Es lohnt sich auch, zu erwähnen, dass traditionelle Therapie über eine Fülle von Kenntnissen hinsichtlich zwischenmenschlicher Beziehungen verfügt, die von einem CSJ-orientierten Therapeuten nicht genutzt werden können. Ein gutes Beispiel dafür ist die Bindungstheorie, ein sehr gut erforschter theoretischer Rahmen, um zu verstehen, wie frühkindliche Erfahrungen von elterlichen Beziehungen sich auf einen aktuellen Beziehungsstil auswirken. Diese Theorie wäre mit einer CSJ-Perspektive unvereinbar, da sie davon ausgeht, dass Individuen idiosynkratische Erfahrungen mit Eltern oder Elternvertretern machen, die nicht automatisch auf eine Gruppenzugehörigkeit zu unterdrückten/unterdrückenden Gruppen zurückzuführen sind. 

Realismus

Was die Hinwendung zum Realismus anbelangt, so ist es weitaus wahrscheinlicher, dass diese Ideologie eine Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung auslösen würde. Die ausschließliche Konzentrierung der CSJ auf Subjektivität und ihre übertriebenen postmodernen philosophischen Verpflichtungen stehen einem besseren Verständnis von Realität entgegen. Stattdessen, da es als gegeben gilt, dass die Realität oder „Wahrheit“ des Klienten sozial konstruiert ist, Gefühle und „gelebte Erfahrung“ werden immer Objektivität oder eine losgelöste Perspektive überlagern. So kann ein CSJ-Therapeut beispielsweise nicht auf das Repertoire an evidenzbasierten Methoden zurückgreifen, die in der Schule der kognitiven Verhaltenstherapie (CBT) entwickelt wurden, um Überzeugungen und Einstellungen zu testen. Stattdessen werden Klienten, insbesondere solche mit einer „unterdrückten“ oder „ausgegrenzten“ Identität, in ihren Weltanschauungen bestätigt, auch wenn diese Ansichten nicht mit der Realität übereinstimmen, z. B. dass es keine biologische Grundlage für Geschlecht gibt (eine maßgebliche und ausführliche Erörterung der Art und Weise, in der Trans-Aktivisten darauf drängen, diese Kategorie im Gesetz abzuschaffen, mit potenziell katastrophalen Folgen für Therapie siehe Jenkins). Außerdem wird jede Infragestellung der Ansichten oder Erfahrungen des Klienten als feindselig ausgelegt. Wie Schwartz in Bezug auf die CSJ-Weltanschauung feststellt: „Umstände, die unsere Wünsche durchkreuzen, können nicht als objektive Merkmale unserer Situation anerkannt werden, sondern nur als absichtliche Handlungen böser Mächte“ (S.117).

Schlussfolgerung

Dieser Aufsatz argumentiert, dass die philosophischen und politischen Verpflichtungen der CSJ deren Praxisanwendung unweigerlich in eine anti-therapeutische Richtung lenken werden. Traditionelle Beratungs- und Psychotherapieansätze gehen davon aus, dass die Macht zur Lösung und/oder Bewältigung von Schwierigkeiten beim Klienten selbst liegt. Daher würden die Therapeuten ihre Bemühungen auf verschiedene Weise auf die Stärkung des Einzelnen konzentrieren, da sie davon ausgehen, dass ein gestärktes Individuum besser in der Lage ist, mit seinen Problemen umzugehen. Die CSJ-getriebene Therapie stellt die kollektive Dimension in den Vordergrund, und diese Tatsache, in Verbindung mit ihren philosophischen Verpflichtungen gegenüber dem sozialen Konstruktionismus und ihrer von der Kritischen Theorie abgeleiteten politischen Agenda, hat erhebliche Auswirkungen auf die klinische Arbeit. Anstatt gestärkt zu werden, wird das Individuum in mindestens vier wichtigen Dimensionen geschwächt. Einige der negativen möglichen Folgen einer CSJ-getriebenen Therapie für den Klienten sind wahrscheinlich: eine Abnahme der Handlungsfähigkeit und der Verantwortung; eine Verengung des Selbst auf eine starre Identifikation mit der Gruppenidentität; eine verminderte Fähigkeit, authentische Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten; und ein geschwächtes Verständnis für natürliche Begrenzungen von Realität. Diese neue Version der Therapie als solche, kann nicht den Anspruch erheben, therapeutisch im traditionellen Sinne zu sein.

Die am wenigsten schlimme Folge einer Vereinnahmung der Beratungs- und Psychotherapiedisziplinen durch die CSJ ist ein performatives Simulakrum der Therapie ohne jegliches Heilungspotenzial: Das wahrscheinlichste längerfristige Ergebnis ist die weit verbreitete Etablierung einer zynischen kulturellen Praxis, die das Individuum schwächt. Wir sollten die Praxis eines CSJ-getriebenen Therapeuten mit Misstrauen betrachten; in diesem privaten Raum können die Schwierigkeiten eines Klienten für eine nicht-therapeutische politische Agenda instrumentalisiert werden. Es sollte alles getan werden, um diese autoritäre Ideologie zu entlarven und ihrem parasitären Eindringen in das therapeutische Feld zu widerstehen.


Von Dr. Val Thomas. Sie wohnt in Großbritannien und ist Psychotherapeutin, Autorin und ehemalige Ausbilderin von Beratern und Psychotherapeuten. Ihr Schwerpunkt liegt im Bereich der Anwendung von mentalen Bildern und mentaler Vorstellungskraft. Sie ist die Autorin von zwei Routledge-Veröffentlichungen: Using Mental Imagery in Counselling and Psychotherapy (2015) und Using Mental Imagery to Enhance Creative and Work-Related Processes (2019)

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